Minarettverbot in der Schweiz
Mit der Volksabstimmung in der Schweiz hat die Islamophobie in Europa eine konkrete Gestalt bekommen: raketenförmige Minarette und eine vollverschleierten Frau vor dem Hintergrund einer Schweizer Fahne. Die Aussage des Europaabgeordnete der Liga Nord in Italien Mario Borghezio sagt viel über die Ursachen und Ängste aus, die viele Schweizer Wähler motivierten, die sich normalerweise nicht zum rechtsradikalen Flügel zählen würden: „ Über dem heute schon fast islamisierten Europa flattert jetzt die Fahne der mutigen Schweiz, die christlich bleiben will.“
Hier geht es um viel mehr als Islamophobie. Im Zentrum der Wahrnehmung derjenigen, die so denken, steht ein christliches Abendland, das droht seinen christlichen Charakter zu verlieren. Dabei ist der Grund gerade in der so oft beschworenen Aufklärung und deren Folgen zu suchen. Das Gefühl, dass die christliche Fahne auf Halbmast hängt, hat nichts mit der zunehmenden Sichtbarkeit islamischer Religiosität zu tun, sondern ist Folge einer durch die Trennung von Staat und Kirche bedingten Säkularisierung der europäischen Öffentlichkeit. Die „islamistischen“ Muslime werden zum Sündenbock für eine zunehmende Säkularisierung und Individualisierung der europäischen Gesellschaft. Eine Volksabstimmung für ein Bauverbot von Minaretten ist keine Lösung um die christliche Fahne erneut zu hissen. Dessen sind sich die Kirchen in der Schweiz bewusst und haben sich deshalb schon vorher gegen ein Minarettverbot ausgesprochen. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Zollitsch und die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland Göring-Eckhardt lehnten das Minarettverbot ab: „Die Religionsfreiheit kann man nicht zur Abstimmung stellen.“ Diese kirchlichen Äußerungen scheinen die rechtsradikalen Parteien in Europa, die sich für das „christliche Abendland“ stark machen wollen, nicht wahrzunehmen. Sie kämpfen auch weiterhin mit denselben Argumenten gegen die Marginalisierung einer Religion, die dies so nicht nötig hat.
Muslime in der ganzen Welt wiederum fühlen sich durch das Minarettverbot in ihrer Meinung bestätigt, dass Muslime in Europa nicht gleichberechtigt behandelt werden und Opfer islamfeindlichen Rassismus sind. Als Reaktion auf das Minarettverbot wurden in arabischen Ländern Stimmen laut, die von einer weltweiten Anti-Islam-Kampagne sprachen, zu der nach ihrem Verständnis auch das Kopftuchverbot gehört.
Den Kirchen hat dies nicht nur die Wichtigkeit eines christlich-islamischen und sondern auch eines innerchristlichen Dialoges erneut vor Augen geführt. Sie stehen vor der Herausforderung Christen und Christinnen in einer säkularisierten Gesellschaft ein religiöses Selbstbewusstsein zu vermitteln, das sich nicht auf den Verteidigungskampf von starren Traditionen beschränkt, sondern sich den Herausforderungen der multireligiösen Gesellschaft Europas stellt.
Verweis:
In der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt am Main, Römer 9 findet vom 2.-18.12.09 eine Ausstellung unter dem Titel „Moscheen auf dem Weg in die Zukunft statt“. 
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